Merle beim Australian Shepherd: Mythos Schwimmunfähigkeit & alte Studie aus 1977 – Zeit für Fakten!
Der Australian Shepherd in seinen auffälligen Farben Blue Merle oder Red Merle fasziniert viele Menschen. Die marmorierte Fellfarbe wirkt einzigartig, doch genau diese Fellfarbe führt seit Jahrzehnten auch zu Debatten: Ist Merle Qualzucht? Können Merle-Hunde nicht schwimmen? Sind sie taub oder krank?
Viele Artikel, Blogs und sogar Aussagen prominenter Tierärzte beziehen sich bis heute auf eine winzige Mitteilung aus dem Jahr 1977 über Tigerteckel (getigerte Dackel). Dort wurde bei ingezüchteten, weißen „Double-Merle“-Tieren eine massive Störung der Schwimmfähigkeit beschrieben. Diese Beobachtung wird seither oft pauschal auf alle Merle-Hunde übertragen – inklusive gesunder, heterozygoter Australian Shepherds.
Aber stimmt das wirklich? Schauen wir uns die Fakten an: alte Studie vs. moderne Genetik.
📌 Die 1977er-Mitteilung: Was stand wirklich drin?
Die Arbeit von Wegner & Reetz (Deutsche tierärztliche Wochenschrift, 84: 29–30) ist keine große Studie, sondern eine zweiseitige vorläufige Mitteilung. Die Autoren beobachteten in einer kleinen, geschlossenen Kolonie von ca. 44 Dackeln (starke Inzucht) vor allem homozygote Merle-Tiere (Double-Merles, oft fast weiß mit extremen Depigmentierungen). Bei diesen kam es zu schweren Koordinationsstörungen, Taubheit, Augenproblemen und ja: gestörter Schwimmfähigkeit. Und dennoch geht aus der Beobachtung der Double-Merle Teckel hervor: 50% können problemlos schwimmen.
Wichtige methodische Schwächen der Studie Wegner & Reetz (1977):
- ✕ Sehr kleine Stichprobe – nur eine Handvoll betroffener Tiere.
- ✕ unbekannt hoher Inzuchtgrad – Inzuchtkoeffizient nicht quantifiziert, aber bei so kleiner Kolonie über Generationen hoch (vergleichbar mit degenerativen Laborstämmen).
- ✕ Keine Differenzierung – vestibuläre Defekte (Innenohr) durch Double-Merle vs. allgemeine Inzuchtdepression.
- ✕ Keine definitive genetische Unterscheidung zwischen Double-Merle & normalen Merle (da zu dieser Zeit noch kein Merle-Gentest möglich war) – daher auch keine Basenpaarlängen-Kombinationen zum Abgleich.
- ✕ Ausgangsrasse gewählt, die bereits körperlich nicht für Vergleiche in Schwimm-Kompetenz geeignet ist (extrem langer Rücken → Hinterteil sinkt tiefer, sehr kurze Beine → kaum Vortrieb. Generell ineffektive Schwimmer)
- ✕ Beobachtung in unnatürlicher Situation
Diese Beobachtung war 1977 wertvoll – aber sie gilt nicht für heterozygote (Single-)Merle-Hunde sportlicher Rassen wie dem Australian Shepherd. In dem Artikel werden Schwimmprobleme beschrieben, die Hunde würden teils mit den Vorderbeinen strampeln, so dass das Wasser nach oben spritzt. Jeder der schon einmal einen Hund (egal welcher Rasse/Farbe) gesehen hat, der das erste Mal im Wasser schwimmt, kennt diese wilden Bewegungen vielleicht. Es gibt einfach Hunde, die von Beginn an gleich ziemlich gut schwimmen können und Hunde, die es erst lernen müssen.
Der Artikel von Wegner/Reetz zeigt außerdem, dass selbst der überwiegende Teil der Double-merles schwimmen konnte. Der Anteil der Double-Merle Dackel, die schwer in der Schwimmfähigkeit beeinträchtig waren, lag bei 18%. Hier hätte ich einen deutlich höheren Anteil erwartet. Der Schwimmtest fand außerdem in einem geschlossenen, tiefen Schwimmbecken statt. Die Hunde wurden jeweils in die Mitte des Pools gesetzt. Diese unnatürliche Umgebung und die Tatsache, dass keiner der Hunde zuvor je Gelegenheit hatte zu schwimmen, zeigt, dass hier eine Beobachtung unter Stress stattfand, die keine faire Bewertung zulässt. Hier wäre eine Vergleichsgruppe von Hunden mit funktionellen Körperbau sinnvoll gewesen, damit ausgeschlossen werden kann, dass der Körperbau hier für mangelnde Schwimmfähigkeit verantwortlich ist.
Warum die alte Studie bis heute so oft zitiert wird
Trotz fast 50 Jahren gibt es keine große, replizierte Studie, die Schwimmunfähigkeit bei Merle-Hunden systematisch untersucht hätte. Die 1977er-Mitteilung wurde einfach weiterkopiert: In Blogs, Foren, Tierärzte-Vorträgen und populären Medien. Ich weiß aus eigener Recherche, dass viele dieses Dokument nicht einmal gelesen haben.

Die Formulierung „Merle-Hunde können nicht schwimmen“ ist emotional griffig, viel einfacher als komplizierte Genetik zu erklären.
Prominentes Beispiel: Prof. Achim Gruber (Leiter des Instituts für Tierpathologie der FU Berlin) sagte in Interviews und in seinem Buch „Das Kuscheltierdrama“ (2019) sinngemäß: Bei Tieren mit „eingezüchtetem Merle-Gendefekt“ gebe es „furchtbare Behinderungen: Taubheit, Schwerhörigkeit, die Hälfte kann nicht schwimmen“. (Zitat aus BILD 2019). Er plädiert dafür, mit Merle-Hunden am liebsten gar nicht mehr zu züchten.
Gruber differenziert dabei nicht klar zwischen Single- und Double-Merles. Die „Hälfte“-Zahl hat er nirgends mit einer aktuellen Studie belegt – sie passt aber exakt zur alten Tigerteckel-Beobachtung, wo bei den wenigen stark betroffenen Double-Merles fast alle Probleme zeigten.
🧬 Moderne Genetik: Single-Merle vs. Double-Merle – ein riesiger Unterschied!
Seit den 2000er Jahren wissen wir viel mehr über das Merle-Gen (Mutation im SILV/PMEL-Gen, SINE-Insertion). Wichtige Studien:
- Strain et al. (2009): In einer großen Stichprobe Merle-Hunde (heterozygot und homozygot) lag die Taubheitsrate bei Single-Merles (Mm) bei nur ca. 3,6 % (2,7 % unilateral, 0,9 % bilateral) – vergleichbar mit vielen anderen Rassen. Deutlich mehr z. B. beim Dalmatiner ~30 %, oder weiße Bullterrier ~20 %). Bei Double-Merles (MM) stieg sie auf 25 % (10 % unilateral, 15 % bilateral).
- Langevin et al. (2018) und Folgearbeiten (Clark, Ballif u. a.): Es gibt nicht nur ein Merle-Allel, sondern eine ganze Palette (Mc, Mc+, Ma, Ma+, M, Mh). Kurze Insertionen (z. B. Mc, „cryptic Merle“) verursachen keine Aufhellung und kein erhöhtes Risiko für Taubheit oder Augenprobleme. Lange Insertionen (M) können bei Homozygotie (Double-Merle) zu starken Defekten führen – bei Heterozygotie aber harmlos.
Heterozygote Merle-Australian-Shepherds (Merle x non-Merle) sind in der Regel gesund, sportlich und wasserfreudig – genau wie ihre solidfarbenen Geschwister.

Die Generalisierungs-Falle: NGOs und Medien machen keinen Unterschied zwischen Normalen Merle & Double-Merle
Viele Kampagnen gegen Merle (z. B. von PETA oder ähnlichen Gruppen) lassen den Unterschied zwischen Double-Merles (Merle x Merle = Qualzucht nach § 11b TierSchG) und Heterozygoten Merle (normaler Merle) absichtlich oder aus Unwissenheit weg! Das ist hoch unwissenschaftlich und irreführend. Es wird suggeriert: „Merle-Hunde = taub, blind, schwimmunfähig“. Das erweckt den Eindruck, jeder Merle-Aussie sei defekt: das ist wissenschaftlich falsch.
In der Praxis züchten seriöse Vereine wie der CASD (Club für Australian Shepherd Deutschland) seit über 20 Jahren verantwortungsvoll. Merle x Merle Verpaarungen waren hier schon von Beginn an verboten. Seit 2022 verpflichtender Gentest für alle Zuchthunde und Sammlung der Merle-Gentest-Ergebnisse mit Basenpaarlängen.
Das beweisen die Zahlen – CASD Zuchtbuch (Stand 2025/26)
- 20+ Jahre konsequent kontrollierte Zucht (schon immer Merle x Merle Verbot)
- seit 2021 mit verpflichtendem Merle-Gentest
- 11.191 Australian Shepherds registriert
- 0 Double-Merle – kein einziger Fall
Bei verantwortungsvoller Zucht (Merle × non-Merle + Gentest) treten Double-Merle praktisch nicht auf. Die Zuchtordnung des CASD wurde an die neueste Wissenschaft angepasst. Sichere Verpaarungen sind Standard.
Laut der Statistiken aus dem CASD geführten Zuchtbuch ergeben sich bei 11.191 Aussies genau 0 Double-Merle. Damit wird klar, dass Double Merle bei den Aussies keine Rolle spielt.
Dank der Arbeit von Langevin et al. und der zusammenfassenden Grafik von Corinne Benavides zu sicheren Merle-Kombinationen konnten Zuchtvereine ihre Regeln aktualisieren und somit die Zucht sogar noch sicherer machen. Das ist ein sehr gutes Beispiel wie Wissenschaft die Zucht gesunder Hunde voranbringen kann.
Gesunde Merle-Aussies in der Realität
Tausende Merle-Australian-Shepherds laufen heute über Agility-Plätze, hüten Schafe, gewinnen Obedience-Prüfungen – und schwimmen begeistert im See. Der Vergleich „Double-Merle-Teckel aus extremer Inzuchtkolonie 1977“ mit „moderner, fit gezüchteter Merle-Aussie 2025“ ist schlicht unwissenschaftlich.
☝️ Tierschutz braucht Differenzierung & keine Pauschalurteile

Merle x Merle ist und bleibt verbotene Qualzucht – da sind sich seriöse Züchter, Vereine und Gesetz einig. Die Verpaarun zweier Merlehunde war im Übrigen auch schon vor der Erneuerung des Tierschutzgesetzes verboten, das ist also nichts Neues.
Aber heterozygote Merle-Hunde? Die sind in verantwortungsvoller, kontrollierter Zucht kein Problem, sondern ein wunderschönes Merkmal einer vitalen Rasse.
Nehmen wir Tierschutz ernst: Mit Gentests, klaren Regeln und aktueller Wissenschaft. Eine 48 Jahre alte Beobachtung kann damit der Vergangenheit angehören und sollte nicht blind weiter verbreitet werden.
Wenn du planst, einen Aussie zu holen: Wähle immer einen Züchter mit Gentest und transparenter Gesundheitsprüfung.
Es ist grotesk und realitätsfern, wenn Teile der Merle-Kritiker ernsthaft glauben, dass deutsche Aussiezüchter und -halter freiwillig mit ganzen Rudeln tauber, gleichgewichts- oder hörgestörter Hunde leben würden – und diese dann noch guten Gewissens in Hundesport, Therapiearbeit, Assistenzhundeausbildung oder an der Herde einsetzen.
Diese Rasse hat sich über Jahrzehnte als hochfunktionaler Arbeitshund bewährt, mit Hörproblemen oder Koordinationsstörungen wäre das schlicht unmöglich. Ich habe selbst erlebt, wie weit diese Panikmache geht: Am Eingang der CACIB Erfurt wollte eine Gruppe (vermutlich) „Tierrechtler“ meinen Hund mit ohrenbetäubendem, absurdem Lärm „auf Hörtüchtigkeit prüfen“. In diesem Moment fragt man sich ernsthaft: Wie schützt man sein Tier vor solchen Aktionen? Und vor allem: Wo ist hier die Wissenschaft geblieben?Solche Erlebnisse zeigen: Es geht längst nicht mehr nur um Tiere. Und genau deswegen lohnt es sich, sachlich und öffentlich dagegenzuhalten.
Quellen:
WEGNER, W. u. I. REETZ (1977): Störungen der Schwimmfähigkeit bei Tigerteckeln. Dtsch. tierärztl. Wschr. 84,
29-30.
Strain et al. 2009 – J Vet Intern Med
Langevin, M., Synková, H., Jancusková, T., & Peková, S. (2018). Merle phenotypes in dogs – SILV SINE insertions from Mc to Mh
CASD e.V. – Merle & NBT-Info ( https://www.casd-aussies.de/merle-nbt ) 2026
öffentliche Interviews mit Achim Gruber u. a. – Stand 2026
Aussie.de Artikel „Merles sind gesund“ https://www.aussie.de/australian-shepherd/aussies-in-der-farbe-merle-sind-gesund.html
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